Gradadverbien geben den Grad oder die Intensität einer Eigenschaft, eines Zustands oder eines Gefühls an. Zu den häufig verwendeten Gradadverbien gehören hěn 很 ’sehr‘, fēicháng 非常 ’sehr; äußerst‘, tài 太 ‚zu; äußerst‘, zhēn 真 ‚wirklich‘, duō(me) 多(么/麼) ‚wie; so‘ und hǎo 好 ’so; sehr‘. Sie stehen in der Regel vor Adjektiven oder Verben, die einen Zustand, ein Gefühl oder eine Einstellung ausdrücken, beispielsweise xǐhuan 喜欢/喜歡 ‚mögen‘, xiǎng 想 ‚wollen; vermissen‘ oder pà 怕 ‚Angst haben; sich fürchten‘. Vor Aktionsverben wie qù 去 ‚gehen‘, chī 吃 ‚essen‘ oder kàn 看 ’sehen; schauen‘ können sie in dieser Funktion dagegen nicht stehen. Die einzelnen Gradadverbien unterscheiden sich hinsichtlich der Stärke der ausgedrückten Intensität sowie ihrer Bedeutungsnuancen und Verwendungsbedingungen.

Struktur
Grundform
Gradadverbien stehen in der Regel vor den Adjektiven oder Verben, deren Grad oder Intensität sie näher bestimmen. Einige Gradadverbien treten bei Ausrufen häufig zusammen mit bestimmten Satzfinalpartikeln auf. So wird tài 太 häufig mit der Partikel le 了 verwendet. Bei Ausrufen mit duō(me) 多(么/麼), zhēn 真 oder hǎo 好 steht dagegen häufig die Satzendpartikel a 啊 am Satzende.
Das Adverb hěn 很 kann ’sehr‘ bedeuten, erfüllt in einfachen Sätzen mit einem adjektivischen Prädikat jedoch häufig vor allem eine grammatische Funktion. In neutralen Aussagen steht hěn 很 typischerweise zwischen dem Subjekt und dem Adjektiv, ohne dessen Bedeutung deutlich zu verstärken. So bedeutet Tā hěn lèi 他很累 in neutralem Kontext meist einfach ‚Er ist müde‘ und nicht unbedingt ‚Er ist sehr müde‘. Wird hěn 很 hingegen betont, tritt seine Bedeutung ’sehr‘ stärker hervor. Ein Adjektiv kann auch ohne hěn 很 als Prädikat stehen; eine Form wie Tā lèi 他累 wirkt jedoch weniger neutral und erhält je nach Kontext häufig eine kontrastive Bedeutung, etwa ‚Er ist müde (im Gegensatz zu jemand anderem)‘.
Verneinung
Nicht alle Gradadverbien können gleichermaßen in verneinten Konstruktionen verwendet werden. Um einen mäßigen oder abgeschwächten negativen Grad auszudrücken, verwendet man im gesprochenen Chinesisch häufig feste Verbindungen wie bú tài 不太 ’nicht so, nicht besonders‘, bù zěnme 不怎么/不怎麼 ’nicht besonders, nicht wirklich‘ oder bú shì hěn 不是很 ’nicht sehr‘. Mit diesen Formen kann eine negative Einschätzung weniger direkt oder weniger stark ausgedrückt werden.
Bù 不 kann auch nach Gradadverbien wie hěn 很 und fēicháng 非常 stehen. Konstruktionen wie hěn bù 很不 oder fēicháng bù 非常不 verstärken die durch bù 不 + Adjektiv/Verb ausgedrückte negative Bedeutung und entsprechen je nach Kontext etwa „sehr un-“, „wirklich nicht“ oder „überhaupt nicht“. Diese Verwendung ist besonders häufig, wenn bù 不 + Adjektiv/Verb einen negativen Zustand, ein negatives Gefühl oder eine ablehnende Haltung bezeichnet, beispielsweise bù gāoxìng 不高兴/不高興 „unglücklich, nicht erfreut“, bù shūfu 不舒服 „unwohl“ oder bù xiǎng 不想 „nicht wollen“. Das vorangestellte Gradadverb verstärkt den Grad dieser negativen Bedeutung.
Fragen
Fragen mit Gradadverbien werden in der Regel gebildet, indem man die Fragepartikel ma 吗/嗎 ans Ende des Satzes setzt. Die „A-nicht-A“-Form wird bei Gradadverbien nicht verwendet.
Die Gradadverbien duō(me) 多(么/麼) und hǎo 好 werden nicht in Fragen verwendet, da sie in der Regel eher in Ausrufen als in Fragen vorkommen.
Mit Adverbien
Adverbien wie yě 也 ‘auch’ und dōu 都 ‘alle; beide’ stehen in der Regel vor Gradadverbien.
Tritt ein Zeitadverb wie yǐjīng 已经 ‚bereits, schon‘ oder yìzhí 一直 ‚durchgehend, die ganze Zeit‘ auf, steht es in der Regel ebenfalls vor dem Gradadverb.
Mit Modalverben
Wenn ein Gradadverb zusammen mit einem Modalverb verwendet wird, steht das Gradadverb vor dem Modalverb.
Funktionen
Einen hohen Grad ausdrücken
Die Grundfunktion dieser Gradadverbien besteht darin, einen hohen Grad oder eine hohe Intensität der durch das Adjektiv oder das Verb ausgedrückten Eigenschaft, des Zustands oder des Gefühls anzugeben. Trotz dieser gemeinsamen Funktion unterscheiden sie sich hinsichtlich der ausgedrückten Stärke, des Formalitätsgrads und ihrer emotionalen Färbung.
| Hěn 很 ‘sehr’: Neutraler Grad, der häufig verwendet wird, um ein Subjekt und ein Adjektiv zu verbinden, wenn kein starker Grad beabsichtigt ist. Es verhindert zudem eine vergleichende Bedeutung. |
| Fēicháng 非常 ‘sehr, äußerst‘: Drückt einen stärkeren Grad als hěn 很 aus. |
| Tài 太 ‘zu; extrem’: Drückt einen übermäßigen Grad aus; häufig in Kombination mit der Satzfinalpartikel le 了. |
Die Partikel le 了 kann weggelassen werden, wenn ein weiterer Satz folgt.
In der Konstruktion tài 太 + Adjektiv + le 了 kann tài 太 je nach Kontext auch eine starke Intensivierung ausdrücken und etwa ’sehr‘, ’so‘ oder ‚äußerst‘ entsprechen. So bedeutet tài hǎo le 太好了 etwa ‚großartig!‘ oder ‚Das ist ja toll!‘, tài piàoliang le 太漂亮了 dagegen ’so schön!‘ oder ‚wunderschön!‘. Ob tài 太 eine Überschreitung im Sinne von ‚zu‘ oder eine emphatische Verstärkung ausdrückt, ergibt sich aus dem jeweiligen Kontext.
| Zhēn 真 ‚wirklich‘: Wird häufig verwendet, um eine subjektive Wahrnehmung, Empfindung oder Bewertung des Sprechers zu verstärken. Es ist besonders im gesprochenen Chinesisch gebräuchlich und wirkt leicht umgangssprachlich. Zhēn 真 wird vor allem verwendet, wenn der Sprecher etwas selbst wahrnimmt, erlebt oder bereits weiß, z. B. „Das ist wirklich schön!“ oder „Heute ist es wirklich kalt!“. Für Eigenschaften oder Zustände, die lediglich für die Zukunft erwartet oder vorhergesagt werden, wird zhēn 真 in der Regel nicht verwendet. |
| Duō(me) 多(么/麼) ‚wie, sehr‘: Wird in Ausrufesätzen, oft zusammen mit der Finalpartikel a 啊 verwendet. Im Allgemeinen drückt duō(me) 多(么/麼) eine starke Betonung aus. Es wird im gesprochenen Chinesisch verwendet. |
| Hǎo 好 ‘so’: In der Konstruktion hǎo 好 + Adjektiv/Verb + a 啊 fungiert hǎo 好 als Gradadverb, das Intensität oder Gefühle ausdrückt. Es wird im gesprochenen Chinesisch verwendet |
Hinweis: Tài 太, zhēn 真 und duō(me) 多(么/麼) können in der indirekten Rede nicht verwendet werden; stattdessen werden in der Regel hěn 很 und fēicháng 非常 verwendet.